Kunst im Goldrausch
(Artikel aus dem "St. Galler Tagblatt", 19.01.08)
Auktionshäuser melden für 2007 Rekordumsätze –
Gespräch mit dem St. Galler Kunsthändler Hans Widmer
Die Auktionspreise kletterten letztes Jahr im Gleichschritt mit dem Goldkurs. Wird es im neuen Jahr im gleichen Sinne weitergehen? Beobachtungen aus regionaler Warte.
Auf das Jahresende haben sich die Mitteilungen der grossen Auktionshäuser in Superlativen überschlagen: «Rekordbilanz» heisst es beim Auktionshaus Koller in Zürich, «höchster Jahresumsatz seit Bestehen» meldet Christie's Schweiz. Und auch das St. Galler Auktionshaus Hans Widmer hat letztes Jahr seinen besten Tag erlebt, zumindest was den Absatz der Bilder betrifft. 95 Prozent aller angebotenen Werke fanden einen Käufer. Wie beurteilt der St.Galler Kunsthändler die gegenwärtige Situation? Wird es im neuen Jahr im gleichen Zug weitergehen?
Drei Beobachtungen
Hans Widmer sind im vergangenen Jahr bei den grossen Häusern vor allem drei Phänomene aufgefallen: die Konzentration auf einzelne Spitzenwerke, der Boom der russischen Kunst und eine neue Yuppie-artige Kundschaft.
Zunächst weist er darauf hin, dass sich der Erfolg der Auktionen auf einige wenige Spitzenbilder beschränkt. Bei Sotheby's Auktion «Schweizer Kunst» wurden im November insgesamt 178 Bilder angeboten; doch den Löwenanteil (67 Prozent) machten die zwölf Spitzengebote aus. Noch akzentuierter bei Christie's Auktion «Schweizer Kunst» in Zürich; dort erzielten die zwölf besten Ergebnisse (von 222) gleich 77,6 Prozent des Gesamterlöses.
Russische Kunst boomt
Das zweite Phänomen ist der plötzliche Boom, den russische Kunst erlebt. Dies trug vor allem zum guten Ergebnis bei Koller bei. Ein Bild des aus Armenien stammenden Romantikers Ivan Konstantinovich Aivazovsky (1819– 1900) erzielte beispielsweise drei Millionen. Das zieht auch die Chinesen mit. Werke von zeitgenössischen chinesischen Malern erzielten um 400 000 und 500 000 Franken.
Die hohen Preise für Russen und Chinesen lassen sich mit den finanziellen Mitteln erklären, die heute den russischen und chinesischen Bietern zur Verfügung stehen. Eine überraschende Beobachtung macht Widmer aber auch bei den Käufern, die in den grossen Auktionshäusern westliche Kunst ersteigern. «Zum Teil ist eine neue Kundschaft aufgetaucht, mit deutlich Yuppie-haftem Benehmen.» Offensichtlich Leute, die im Finanzmarkt schnelles Geld gemacht haben und sich darum auch um die Prestige-trächtigsten Lose bemühen.
Die Folge des Booms
Die genannten Phänomene dürften nicht ohne Folge bleiben. Die erste besteht darin, dass sich die Erwartungen der Anbieter immer weiter in die Höhe schrauben. Dies zeigte sich, als im Spätherbst für Hodlers «Dents du Midi» mindestens fünf Millionen erhofft wurden. Was dann freilich niemand zu zahlen bereit war.
Eine zweite Folge ist, dass die Konzentration des Handels auf Prestige-Objekte die andern Lose in Schatten stellt. Wie bei den Managerlöhnen verteilen sich die Gewinne auf wenige Spitzenverdiener. Das heisst, dass der breite Handel nicht im gleichen Masse von den Rekordergebnissen profitiert. «Die horrend hohen Preise gelten nur für wenige Stars unter den Künstlern; manch andere aber werden kaum noch beachtet, obwohl sie von der Qualität her hervorragend sind», sagt Widmer.
Zum dritten handelt es sich bei der neuen nicht unbedingt um die treuste Kundschaft. Das schnelle Geld sucht nicht Nachhaltigkeit, sondern richtet sich nach Moden.
Hype oder Nachhaltigkeit?
Zusammen heisst dies, dass der Kunstmarkt wohl an Zug, nicht aber an Stabilität gewonnen hat. Hans Widmer verweist auf das Buch der Juristin und Kunstgeschichtlerin Piroschka Dossi: «Hype! Kunst und Geld» (dtv), das den verschlungenen Beziehungen von Börsen-Geld und Kunst-Geist nachspürt.
Dies alles bestärkt Kunsthändler Hans Widmer, als regional verankertes Auktionshaus seinen eigenen Weg zu gehen. Was heisst, nicht einzelnen Trophäen nachzujagen, sondern auf die Qualität jener Werke hinzuweisen, die sich nicht durch Schlagzeilen, wohl aber durch Nachhaltigkeit auszeichnen. In diesem Sinne ist er denn auch daran, seine Auktion vom kommenden März vorzubereiten.
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Wörtlich «Wall Power»
Jede Epoche hat ihre Sammler. Im Zeitalter des globalisierten Kapitalismus sind Hedge-Fonds-Manager zu den aktivsten Käufern und Verkäufern der Kunstwelt geworden. Sie konkurrieren um das, was sie «wall power» nennen. Kunst ist für sie nicht nur eine Trophäe. Kunst ist für sie eine Fortsetzung der Spekulation, die sie als Profession betreiben. Mit ihrem enormen Geldeinsatz, der in die Hunderte von Millionen Dollar geht, tragen sie dazu bei, dass die Preise für zeitgenössische Kunst steigen. Das ist keine unbeabsichtigte Nebenwirkung ihrer Kunstpassion. Wo andere Kunst sehen, sehen die Fonds-Manager einen weiteren Mark, der reif ist für «selling, buying, flipping».
Aus: Piroschka Dossi: Hype! Kunst und Geld, dtv
Copyright © St. Galler Tagblatt, J. Osterwalder, 19. Januar 2008 |